In vielen Regionen der Welt drohen Journalist*innen bei kritischer Berichterstattung Repressionen, Verfolgung oder Gewalt. Für manche wird das Exil zur besten Möglichkeit auf Schutz und Sicherheit für sich und ihre Arbeit. Doch dort ist es manchmal gar nicht so einfach, weiterhin gehört und gelesen zu werden.
Mit Rebellen reden oder an Militärposten vorbei in Kriegsgebieten reisen – was für viele Menschen unvorstellbar ist, gehört für Journalist*innen in Krisengebieten zur Berufsbeschreibung dazu. So auch für Amir Aman Kiyaro. Der gebürtige äthiopische Journalist hat in seiner Heimat als Kriegsreporter gearbeitet. Von 2020 bis 2022 kämpften Rebellengruppen gegen äthiopische Streitkräfte im sogenannten Tigray Krieg. Beiden Seiten werden Menschenrechtsverletzungen und Kriegsverbrechen vorgeworfen. Parallel dazu eskalierten auch in anderen Teilen des Landes die Spannungen und es kam zu Kämpfen und Vertreibungen. So auch in der Region Oromia, in der ein Teil des Landes von Rebellengruppen beherrscht war.
Genau davon wollte sich Amir Aman Kiyaro vor Ort ein Bild machen. Deswegen entschied er sich im November 2021 dazu, dort mit Zivilist*innen und Vertretern der Rebellengruppe zu sprechen. „Ich wollte sehen, wie das Leben, unter der Kontrolle der Rebellen ist“, sagt der Journalist. Das das nicht so einfach werden würde, zeigte sich schon auf dem Hinweg, als ihm von Regierungsbeamten an einem Militärposten vorgeworfen wurde, dass er mit seiner Reise Rebellengruppen unterstützen würde. Aber davon ließ sich Amir Aman Kiyaro nicht einschüchtern.
Freilassung dank internationaler Kampagne
Doch anstatt am nächsten Tag seine Eindrücke dokumentieren zu können wurde der Journalist verhaftet. „Die Regierung bezeichnete mich als Terrorist oder als jemand, der mit den Feinden des Staates zusammenarbeitet. Dafür habe ich 125 Tage im Gefängnis verbracht. Und der Staat hat eine sehr große Hetzkampagne gegen mich gestartet.“ Doch auch die harte Zeit im Gefängnis konnte ihn nicht langfristig davon abhalten seinen Job weiter auszuüben. „Ich bin verantwortlich dafür, ihre Geschichten zu erzählen […] Ich glaube wirklich, dass das, was ich tue, für das Wohl der Gesellschaft ist“, so Amir Aman Kiyaro.
Der Journalist hatte Glück, denn sowohl sein Arbeitgeber die Associated Press als auch seine Freunde und Familie haben öffentlich auf sein Schicksal aufmerksam gemacht und für seine Freilassung gekämpft. Dadurch wurde er nach 125 Tagen aus dem Gefängnis entlassen. Doch das geht nicht allen so, erzählt Amir Aman Kiyaro: „Manche Journalisten werden einfach vergessen. Ich hatte Glück, dass es international eine sehr gute Kampagne gegeben hat.“
Sprache als fundamentales Werkzeug
Mittlerweile lebt der Journalist mit Unterstützung der Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte in Deutschland. Doch auch für Journalist*innen im Exil ist die Lage nicht immer einfach. Da Journalismus ein Job ist, bei dem die Sprache das wichtigste Tool ist, sind die Möglichkeiten für Journalist*innen, die die deutsche Sprache nicht beherrschen, sehr begrenzt, berichtet Carl Wilhelm Macke, der sich im Verein Journalisten helfen Journalisten engagiert. Der Verein hat es sich zum Ziel gemacht, Journalisten unbürokratisch zu unterstützen, wenn beispielsweise ihr Equipment zerstört wurde. Gleichzeitig sagt er, dass kleine Vereine nicht alles auffangen können: „Diese Einzelfallhilfe, die wir machen, ist gut und wichtig, aber es geht um größere strukturelle Hilfe und Angebote von Sprachkursen. Für Journalisten ist das unglaublich wichtig.“
Dies ist umso relevanter, in Zeiten in denen Sprachkurse drastisch gestrichen werden. Die aktuelle Regierungspolitik in Bezug auf Geflüchtete wird auch von Michael Weise vom Verein Gefangenes Wort kritisiert. „Man kann sich natürlich zumindest ansatzweise vorstellen, was das auch in den Menschen auslöst, wenn die sehen, eigentlich soll jeder hier abgeschoben werden“. Der Verein setzt sich international für Pressefreiheit ein und unterstützt dabei Journalist*innen im Exil zum Beispiel durch Öffentlichkeitsarbeit, und die Vermittlung von Kontakten.
Ein Gewinn auch für die deutsche Medienlandschaft
Wie essenziell das ist, bestätigt auch Carl Wilhelm Macke: „das Netzwerk ist sowieso das Allerwichtigste.“ Genau dieses Netzwerk nutzten die beiden Vereine, um exilierten Journalist*innen in Deutschland eine Perspektive zu ermöglichen, erklärt Lena Frewer von Gefangenes Wort. Denn viele Journalist*innen oder Autorinnen verlieren mit dem Exil auch die Öffentlichkeit, die sie in ihren Heimatländern hatte. „Trotzdem sind sie ja weiter entweder Künstler oder Reporterin und haben auch weiter was zu sagen. Das heißt, sie werden ihren zentralen Lebensinhalt oft bis zu einem gewissen Grad beraubt“, sagt Michael Weise.
Doch gerade für etablierte Medien kann die Anstellung von Journalist*innen, die aus ihrer Heimat flüchten mussten, ein enormer Gewinn sein. Denn neben dem Aufzeigen von neuen Perspektiven bringen auch diese Journalist*innen ihr Netzwerk mit. Das kann besonders in Konfliktzeiten eine große Bereicherung sein. Während der Proteste in Iran war es für deutsche Journalist*innen fast unmöglich das Land zu betreten und selbst vor Ort zu recherchieren zu betreiben. Umso wertvoller, sind dann Kontakte vor Ort, die man bereits kennt, erklärt Michael Weise.
Journalist aus der Ferne
Auch Amir Aman Kiyaro hat Schwierigkeiten in der deutschen Medienbranche Fuß zu fassen. Er vermutet, dass dies einerseits an mangelnden Sprachkenntnissen liegt, aber auch an dem mangelnden Interesse der deutschen Medien und ihrem Publikum an afrikanischen Ländern. Und das hat System. Der Bürgerkrieg in der Tigray Region in Nordäthiopien über den auch Kiyaro berichtet hat, gilt als der tödlichste Krieg des 21. Jahrhunderts. Gleichzeitig kommt der Krieg in der deutschen Berichterstattung kaum vor.
Trotz all dieser Hürden kann Amir Aman Koyaro auch im Exil weiterhin als Journalist arbeiten unter anderem für die Associated Press. Und selbst aus der Ferne ist es ihm so gelungen durch seine Kontakte vor Ort eine exklusive Reportage über Konflikte in der äthiopischen Amhara Region zu veröffentlichen. Seine Leidenschaft fürs Geschichten erzählen hat er also trotz allem nicht verloren.




